Warum Perfektion im Unterricht nicht notwendig ist
- spielend-leicht-lernen
- 10. Aug.
- 6 Min. Lesezeit

Ich glaube, gerade wir Lehrpersonen neigen dazu, einen ziemlich hohen Anspruch an uns selbst zu haben.
Die Stunde soll gut vorbereitet sein. Das Material soll passen. Alle Kinder sollen mitkommen. Die Schwächeren sollen ausreichend unterstützt werden. Die Stärkeren dürfen sich nicht langweilen. Das Klassenzimmer sollte organisiert sein. Natürlich wäre es schön, wenn nebenbei noch alle Hefte ordentlich geführt, sämtliche Lernfortschritte dokumentiert und die nächsten Wochen bereits durchgeplant wären.
Und dann gibt es da noch das echte Leben.
Ein Kind hat heute einen schlechten Tag. Ein anderes hat das Thema, von dem ich dachte, dass es längst verstanden wurde, doch noch nicht verstanden. Zwei streiten. Mein wunderschön vorbereitetes Material funktioniert überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Und die Unterrichtsstunde, die auf dem Papier wirklich großartig ausgesehen hat, entwickelt sich in eine völlig andere Richtung.
Willkommen in der Schule.
Nach über zehn Jahren als Grundschullehrerin kann ich heute sagen: Einige meiner besten Unterrichtsmomente waren nicht perfekt vorbereitet.
Und manche meiner am perfektesten vorbereiteten Stunden waren rückblickend überhaupt nicht meine besten.
Ich wollte es am Anfang auch „richtig“ machen
Gerade als junge Lehrerin wollte ich natürlich guten Unterricht machen.
Und was macht man, wenn man noch wenig Erfahrung hat?
Man bereitet vor.
Und bereitet noch ein bisschen mehr vor.
Man überlegt sich ganz genau, was wann passieren soll. Welche Frage man stellt. Welches Arbeitsblatt danach kommt. Was die Kinder ins Heft schreiben. Welche Zusatzaufgabe schnelle Kinder bekommen und was jene machen, die noch Unterstützung brauchen.
Diese Vorbereitung gibt Sicherheit.
Und das ist am Anfang auch vollkommen in Ordnung.
Aber irgendwann habe ich verstanden:
Eine perfekte Unterrichtsvorbereitung macht noch lange keinen perfekten Unterricht.
Denn in meiner Planung fehlte eine ziemlich entscheidende Variable:
die Kinder.
Und Kinder halten sich glücklicherweise nicht an unsere Unterrichtsplanung.
Guter Unterricht darf sich verändern
Das war für mich wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner gesamten Unterrichtstätigkeit.
Ich muss nicht an einer Planung festhalten, nur weil ich sie gemacht habe.
Wenn ich merke, dass etwas nicht funktioniert, darf ich es ändern.
Wenn die Kinder für einen Lernschritt länger brauchen, bekommen sie länger Zeit.
Wenn ein Kind schon viel weiter ist, muss es nicht warten, bis alle anderen dort angekommen sind.
Wenn aus einer Frage plötzlich ein wunderbares Gespräch entsteht, darf dieses Gespräch Raum bekommen.
Und wenn ich merke, dass ein Material in der Praxis überhaupt nicht das bewirkt, was ich mir davon versprochen habe, dann kommt es eben wieder weg.
Das ist für mich kein Scheitern.
Das ist Unterricht.
Genau deshalb wurde mein Unterricht mit der Zeit immer offener
Irgendwann wollte ich nicht mehr jeden Lernweg meiner Kinder im Voraus planen müssen.
Nicht für Kind A dieses Arbeitsblatt, für Kind B jenes und für Kind C noch eine dritte Variante.
Ich wollte eine Umgebung schaffen, in der ich reagieren konnte.
Also begann ich, meinen Unterricht anders zu organisieren.
Meine Materialien bekamen fixe Plätze. Themenbereiche wurden farblich geordnet. Materialien, die sich auf unterschiedliche Arten und für unterschiedliche Lernstände einsetzen ließen, wurden immer wichtiger.
Die Kinder wussten zunehmend selbst, wo sie etwas fanden.
Und ich musste nicht mehr jeden Morgen 25 Kinder mit 25 perfekt vorbereiteten Lernwegen erwarten.
Ich konnte schauen:
Wo steht dieses Kind gerade?
Was braucht es als Nächstes?
Und genau dafür musste das passende Material schnell verfügbar sein.
Das war für mich ein riesiger Unterschied.
Weniger vorbereiten heißt nicht, schlechter vorbereitet zu sein
Das wird manchmal missverstanden.
Offener oder individualisierter Unterricht bedeutet für mich keinesfalls:
„Ich schaue morgens einmal, was heute passiert.“
Ganz im Gegenteil.
Die eigentliche Vorbereitung findet nur an einer anderen Stelle statt.
Ich muss meine Kinder kennen.
Ich muss wissen, wo sie stehen.
Ich muss wissen, welche nächsten Lernschritte sinnvoll sind.
Und ich muss meine Materialien so gut kennen, dass ich weiß, was ich mit ihnen alles machen kann.
Genau deshalb bin ich auch ein großer Fan von Materialien, die mitwachsen.
Ich brauche nicht für jede Schulstufe, jedes Lernziel und jedes Kind ein komplett neues Material.
Ein gutes Material kann heute ganz einfach eingesetzt werden und morgen mit einer zusätzlichen Aufgabenstellung plötzlich deutlich anspruchsvoller werden.
Das spart nicht nur Material.
Es spart vor allem eines:
meine Zeit.
Und diese Zeit kann ich wieder dort einsetzen, wo sie wesentlich sinnvoller aufgehoben ist – bei den Kindern.
Wir dürfen auch unseren Kindern Unperfektheit vorleben
Noch etwas beschäftigt mich bei diesem Thema.
Was vermitteln wir Kindern eigentlich, wenn bei uns Erwachsenen immer alles perfekt sein muss?
Wir sagen ihnen:
„Fehler gehören zum Lernen.“
„Probier es einfach.“
„Es macht nichts, wenn es noch nicht klappt.“
„Versuch einen anderen Weg.“
Und gleichzeitig glauben wir selbst, dass unser Unterricht vom ersten Tag an perfekt funktionieren müsste?
Das passt für mich nicht zusammen.
Ich habe in meinem Unterricht unglaublich viel ausprobiert.
Manches hat hervorragend funktioniert.
Manches habe ich verändert.
Und manches habe ich nach kurzer Zeit wieder verworfen.
Aber genau daraus ist letztendlich mein Unterrichtssystem entstanden.
Nicht am Schreibtisch.
Sondern im Klassenzimmer.
Durch Beobachten.
Ausprobieren.
Verändern.
Und wieder ausprobieren.
Auch meine vorbereitete Umgebung war nicht plötzlich „perfekt“
Wenn ich heute von meiner vorbereiteten Umgebung, meinen Themenregalen oder meinem Farbleitsystem erzähle, könnte schnell der Eindruck entstehen, ich hätte irgendwann mein Klassenzimmer komplett umgebaut und danach hätte alles funktioniert.
So war es natürlich nicht.
Das Ganze ist gewachsen.
Ein Regal nach dem anderen.
Eine Idee nach der anderen.
Manches entstand überhaupt erst deshalb, weil mich etwas im Unterricht ständig genervt hat.
Wenn mich Kinder fünfmal am Vormittag fragten:
„Wo finde ich …?“
dann konnte ich mich darüber ärgern.
Oder ich konnte überlegen:
Warum müssen sie mich das eigentlich fragen?
Vielleicht war nicht das Kind unselbstständig.
Vielleicht war meine Umgebung einfach noch nicht so vorbereitet, dass das Kind selbstständig sein konnte.
Solche Gedanken haben meinen Unterricht viel stärker verändert als jede vermeintlich perfekte Planung.
Perfektion kostet unglaublich viel Kraft
Und hier kommen wir zu einem Punkt, der mir besonders wichtig ist:
Lehrergesundheit.
Wenn guter Unterricht in unserem Kopf bedeutet, jeden Nachmittag stundenlang vorzubereiten, zu laminieren, auszuschneiden, zu differenzieren, zu kopieren und für jedes Kind etwas Neues zu erfinden, dann müssen wir irgendwann die Frage stellen:
Wie lange können wir das eigentlich durchhalten?
Ein Unterrichtssystem sollte nicht nur für Kinder funktionieren.
Es muss auch für die Lehrperson funktionieren.
Ich halte nichts davon, Lehrkräften ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie nicht jeden Tag das pädagogische Feuerwerk zünden.
Kinder brauchen keine Lehrperson, die jeden Abend bis spät in die Nacht perfekte Materialien vorbereitet.
Sie brauchen eine Lehrperson, die am nächsten Morgen noch genügend Energie hat, sie wahrzunehmen.
Manchmal ist „gut“ tatsächlich gut genug
Dieser Satz fällt uns Perfektionisten wahrscheinlich besonders schwer.
Aber nicht jedes Arbeitsblatt muss wunderschön sein.
Nicht jede Unterrichtsstunde braucht einen spektakulären Einstieg.
Nicht jedes Thema braucht ein neues Material.
Nicht jede Idee muss sofort umgesetzt werden.
Und nicht jedes Kind muss am Freitag genau dort angekommen sein, wo ich es am Montag eingeplant hatte.
Manchmal darf Unterricht einfach funktionieren.
Und manchmal darf er sogar einmal nicht funktionieren.
Dann überlegen wir eben, warum.
Was ich jungen Lehrpersonen heute sagen würde
Ich habe viele Jahre mit angehenden Lehrpersonen gearbeitet. Und gerade dort habe ich erlebt, wie groß der Druck sein kann, alles „richtig“ machen zu wollen.
Heute würde ich ihnen wahrscheinlich noch viel öfter sagen:
Schaut euch gute Ideen an.
Probiert sie aus.
Übernehmt aber nicht alles.
Und glaubt vor allem nicht, dass der Unterricht einer erfahrenen Kollegin genauso aussehen muss wie eurer.
Was bei mir funktioniert, muss nicht automatisch bei euch funktionieren.
Was bei einer Klasse wunderbar läuft, kann bei der nächsten völlig anders sein.
Pädagogik ist keine Anleitung, bei der man Schritt 1 bis 10 abarbeitet und am Ende garantiert das richtige Ergebnis erhält.
Und vielleicht ist genau das das Schöne an unserem Beruf.
Mein Unterricht musste nie perfekt werden
Er musste zu meinen Kindern passen.
Und auch zu mir.
Das ist ein großer Unterschied.
Heute würde ich viel eher fragen:
Können die Kinder zunehmend selbstständig arbeiten?
Wissen sie, wo sie Hilfe bekommen?
Finden sie Materialien selbst?
Dürfen sie unterschiedlich schnell lernen?
Kann ich einzelne Kinder begleiten, ohne dass gleichzeitig der Rest der Klasse auf mich wartet?
Bleibt Raum für Gespräche, Kreativität, Bewegung, Fragen und spontane Ideen?
Und gehe ich selbst am Ende eines Schultages nach Hause, ohne das Gefühl zu haben, jetzt noch drei Stunden Unterricht für morgen produzieren zu müssen?
Wenn ich viele dieser Fragen mit Ja beantworten kann, dann war mein Unterricht vielleicht nicht perfekt.
Aber ziemlich wahrscheinlich war er gut.
Mein persönliches Fazit
Ich glaube nicht an die eine perfekte Unterrichtsmethode.
Und ich glaube auch nicht an den perfekten Unterricht.
Ich glaube an Lehrpersonen, die ihre Kinder beobachten.
Die Dinge ausprobieren.
Die den Mut haben, etwas wieder zu verändern.
Die nicht jedem pädagogischen Trend hinterherlaufen.
Und die irgendwann ihren eigenen Weg finden.
Genau so ist auch mein Weg entstanden.
Nicht perfekt.
Nicht von heute auf morgen.
Und ganz sicher nicht ohne Umwege.
Aber mit jeder Veränderung ein kleines Stück näher an dem Unterricht, den ich für meine Kinder – und auch für mich selbst – wollte.
Deshalb würde ich heute jeder Kollegin und jedem Kollegen sagen:
Du musst deinen Unterricht nicht perfekt machen.
Mach ihn so, dass Kinder darin lernen, wachsen und zunehmend selbstständig werden können.
Und mach ihn so, dass auch du noch gerne darin unterrichtest.
Denn am Ende stehen nicht unsere perfekt vorbereiteten Materialien im Mittelpunkt.
Sondern die Kinder.





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